Morbus Perthes
(Elterninformation der Abteilung für Kinderorthopädie)
Der Morbus Perthes ist eine Hüftgelenkserkrankung, die vorwiegend Jungen zwischen dem 4.–8. Lebensjahr befällt. Eine konkrete Ursache der Entstehung eines Morbus Perthes ist nicht bekannt. Andererseits verdichten sich Vermutungen, dass eine Anlage bedingte unterschwellige Gerinnungsstörung oder auch das Passivrauchen mitverantwortlich für die Entstehung sein können. Der Vorgang selbst, der dem Morbus Perthes zu Grunde liegt, ist jedoch bekannt. Es kommt zunächst zu einer Durchblutungsstörung eines mehr oder weniger großen Anteils des Hüftkopfes. Im weiteren Verlauf sterben Knochenzellen ab, so dass der Hüftkopf weich und dadurch verformbar wird.
Ziel der Behandlung muss es also sein, eine signifikante Verformung zu verhindern. Die Erkrankung selbst dauert etwa 1–2 Jahre. Im Verlauf der Krankheit werden die abgestorbenen Knochenzellen abgebaut und durch neue vitale Knochenzellen ersetzt. Wenn diese neuen Knochenzellen ausreichend Kalksalze eingelagert haben, ist eine weitere Verformung des Hüftkopfes nicht mehr möglich.
Hat der Hüftkopf bis zu diesem Zeitpunkt keine wesentliche Verformung entwickelt, ist die weitere Prognose gut. Im anderen Fall muss man von einem frühzeitigen Verschleiß des Hüftgelenkes ausgehen.
Naturgemäß ist die Prognose bei jüngeren Kindern besser als bei älteren, da sie erstens ein geringeres Körpergewicht haben, was weniger Verformungspotential bedeutet. Auf der anderen Seite verbleiben nach Ausheilung der Erkrankung noch mehrere Jahre der Möglichkeit von Anpassungsvorgängen durch Wachstum. Auch das Ausmaß des Befalls des Hüftkopfes ist naturgemäß von prognostischer Bedeutung.
Neben dem Röntgenbild kommt der Kernspintomographie eine zunehmende Bedeutung in der Diagnose, Verlaufsbeurteilung und in der Entscheidungsfindung für therapeutische Maßnahmen zu. Hier sei nur darauf hingewiesen, dass insbesondere das Ausmaß einer möglichen Schädigung der Wachstumsfuge in Kombination mit der Lokalisation der Durchblutungsstörung (partieller, vollständiger Befall des Hüftkopfes) die Entscheidung für eine Therapie wesentlich beeinflussen kann.
Welche Behandlungen des Morbus Perthes sind nun im Einzelfall sinnvoll?
Man unterscheidet die konservative und operative Behandlung. Grundsätzlich steht die konservative Behandlung auf 2 Säulen. Die Amerikaner benennen diese Säulen mit "Containment und Motion". "Motion" bedeutet: Erhalt der Beweglichkeit. Jedes Hüftgelenk, welches im Verlauf der Erkrankung eine gute Beweglichkeit, und dabei insbesondere Abspreizfähigkeit und Rotation behält, hat langfristig eine gute Prognose. Deshalb gehört die regelmäßige Krankengymnastik unabdingbar zum Behandlungskonzept des Morbus Perthes.
Die zweite Säule "Containment" ist nicht einfach zu übersetzen. Am ehestens trifft der Begriff "Passform" zu. Ein runder Kopf, der zentriert in einer runden Hüftpfanne steht, hat ein gutes "Containment", während ein Kopf, der oval deformiert ist oder sich aus der Pfanne herausbewegt, ein schlechtes "Containment" besitzt.
Für ein gutes langfristiges Ergebnis müssen beide Säulen erhalten bleiben. Ist die Beweglichkeit des Hüftgelenkes eingeschränkt, kann eine Kapselreizung oder ein Gelenkerguß dafür verantwortlich sein. In diesem Fall sollte eine Entlastung des Hüftgelenkes durch Gehstützen, unterstützt durch Entzündungs hemmende Medikamente, durchgeführt werden. Ein Nutzen von Entlastungsschienen jeglicher Art ist durch die Literatur nicht belegt und hat somit in der Therapie des Morbus Perthes keinerlei Bedeutung.
Auch die langfristige Entlastung des Hüftgelenkes durch Nutzung eines Rollstuhls ist aus unserer Sicht nicht zu empfehlen. Erstens ist eine Entlastung des Gelenkes nur bedingt gegeben, da auch das Sitzen das Hüftgelenk belastet. Zweitens ergibt sich aus den langen Sitzphasen das Risiko einer Streckhemmung des Hüftgelenkes. Drittens nehmen wir den Kindern 1–2 Jahre an Bewegungserfahrungen in einer wichtigen Phase ihrer motorischen Entwicklung.
Ist ein ausreichendes "Containment" im Verlauf der Erkrankung nicht zu erhalten oder geht die Beweglichkeit des Hüftgelenkes meist auf dem Boden eines unzureichenden "Containments" verloren, sind operative Maßnahmen angezeigt.
Wir führen in unserer Klinik eine Korrektur bevorzugt durch eine Doppelosteotomie durch. Dabei wird sowohl eine Korrektur im Bereich der Hüftpfanne als auch gleichzeitig eine Operation am Hüftgelenk nahen Oberschenkelknochen vorgenommen. Die Nachbehandlung kann in der Regel ohne Gipsimmobilisation erfolgen. Kurz- und mittelfristige Nachuntersuchungsergebnisse zeigen ein deutliche Überlegenheit gegenüber konventionellen operativen Verfahren. Langzeitergebnisse liegen uns jedoch noch nicht vor. Nach einer solchen Operation ist eine 6-wöchige Entlastungsphase mit anschließend vorsichtigem Belastungsaufbau erforderlich.
Unsere derzeitigen Erfahrungen zeigen, dass sich fast alle Kinder anschließend ohne weitere Entlastungsphasen und weitgehender Beschwerdefreiheit belasten können.
Der Morbus Perthes ist eine sehr ernst zu nehmende Erkrankung des kindlichen Hüftgelenkes. Die Behandlung sollte durch einen erfahrenen Orthopäden durchgeführt und überwacht werden.
