Zerebralparese
(Elterninformation der Abteilung für Kinderorthopädie)
In Abhängigkeit von der Lokalisation der Hirnschädigung, die sich vor, während oder nach der Geburt ereignen kann, sind unterschiedliche Ausprägungen von Bewegungsstörungen zu unterscheiden.
Hypotonie, Spastik, Athetose, bzw. dystone Bewegungsstörungen, Ataxie und Mischformen. Ist nur eine Körperseite betroffen, spricht man von Hemiparese, sind vorwiegend die unteren Extremitäten betroffen von Diparese. Die schwerste Bewegungsstörung ist die Tetraparese. Hier sind neben den 4 Extremitäten sehr variabel auch die Rumpf- und Halsmuskeln betroffen.
Infolge der Hirnschädigung können neben den Bewegungsstörungen andere Funktionsstörungen eintreten, wie z. B. Anfälle, Wahrnehmungsstörungen, Seh- und Hörstörungen, Intelligenzdefekte etc. Die Meilensteine der Entwicklung, also umdrehen, sitzen, krabbeln, stehen, laufen werden verzögert durchlaufen.
Durch eine frühzeitig einsetzende krankengymanstische Behandlung können physiologische Bewegungsmuster angebahnt und krankhafte gehemmt werden. Hierzu eignen sich insbesondere die Behandlungsformen nach BOBATH oder VOJTA. Eine vollständige Normalisierung von Bewegungsabläufen wird dennoch selten erreicht. Durch die Persistenz der Bewegungsstörungen wie der Spastik kommt es ohne adäquate therapeutische Maßnahmen typischerweise zu Muskelverkürzungen. Dadurch entstehen Einschränkungen der Beweglichkeit der Extremitätengelenke, in fortgeschrittenem Stadium auch Verrenkungen der Gelenke und manifeste Asymmetrien.
Muskelverkürzungen entwickeln sich gewöhnlich erst nach dem 1. Lebensjahr, nehmen dann gewöhnlich aber trotz krankengymnastischer Behandlung kontinuierlich zu. Ursache der Muskelverkürzung ist, dass spastische Muskeln mit dem normalen Wachstum des Knochens nicht mithalten können. Durch die Spastik überwiegt die Muskelverkürzung, während eine Muskeldehnung, die für das Faserwachstum wichtig ist, nicht in ausreichendem Maße stattfindet. Dazu kommt, dass die Gegenspieler der verkürzten Muskeln, die sog. Antagonisten, überdehnt und daher geschwächt sind. So besteht bei verkürzter Wadenmuskulatur fast immer auch eine Schwäche durch kontinuierliche Überdehnung der Fußheber.
Typischerweise sind im Bereich der unteren Extremitäten die Hüftbeuger, die Adduktoren, die Kniebeuger und die Wadenmuskeln verkürzt. Die Antagonisten, also Hüftstrecker, Hüft-Abspreizer, Kniestrecker und Fußheber sind gewöhnlich schwach.
Zur Vermeidung signifikanter Muskelverkürzungen können neben der Krankengymnastik verschiedene Maßnahmen erwogen werden.
Frühzeitige Vertikalisierung (Stehtraining)
Neben günstigen Einflüssen auf die psychosoziale Entwicklung werden Blasen-Mastdarmfunktionen und das Kreislaufsystem unterstützt, eine Knochenabbau (Osteoporose) vermieden, die Gelenkentwicklung (Wirbelsäule, Hüften) gefördert, und nicht zuletzt der Entwicklung von Muskelverkürzungen und Gelenkfehlstellungen entgegengewirkt.
Lagerungsschienen, Orthesen
Durch Lagerungsschienen werden verkürzte Muskeln unter Dehnung gehalten. Dehnung ist der notwendige Reiz zur Stimulierung von Muskelfaserwachstum. Fehlstellungen von Gelenken werden durch solche Hilfsmittel vermieden. Die Akzeptanz solcher Hilfsmittel ist dann am größten, wenn man im frühen Kindesalter mit der Versorgung beginnt.
Botulinum-Toxin-A
Hier handelt es sich um ein Medikament, welches in einen verkürzten Muskel injiziert wird und zu einer vorübergehenden Lähmung des betreffenden Muskels führt. Nebenwirkungen sind sehr selten. Durch Anlage therapeutischer Gipse, Lagerungsschienen und Intensivierung der Krankengymnastik läßt sich in der Mehrzahl der Fälle eine Reduktion der Spastik und eine Verlängerung der verkürzten Muskelfasern beobachten. Die Wirkungsdauer beträgt ca. 3 Monate. Erneute Injektionen sind möglich. Die besten Ergebnisse werden werden in den ersten 6 Lebensjahren erzielt. Danach ist in vielen Fällen das Ergenis der Behandlung nicht sehr zufriedenstellend.
Trotz aller Maßnahmen kommt es in fast allen Fällen dennoch zu funktionsbeeinträchtigenden Muskelverkürzungen im Bereich der unteren Extremitäten. Sehr häufig sind daher Störungen auf mehreren Ebenen nachweisbar (Hüfte, Knie, Füße).
Solche multifokalen Muskelverkürzungen können meist zwischen dem 5.bis 8. Lenbensjahr zu erheblichen Funktionsstörungen führen, so daß z.B. Stehen oder Gehen nur noch mit hohem Energieaufwand gelingt. So können häufig Hüften und Knie nicht mehr gestreckt werden, die Beine haben die Tendenz zu überkreuzen oder die Ferse hat im Stand keinen Bodenkontakt mehr.
Um weitere funktionelle Fortschritte möglich zu machen und um Verrenkungen der Gelenke der unteren Extremitäten zu vermeiden, sind dann operative Maßnahmen zu ergreifen.
Als sehr günstig hat sich das 6. Lebensjahr erwiesen, also ca. 1 Jahr vor der Einschulung. Hier ist bei den Kindern eine gewisse Einsicht eingetreten, so daß die Motivation zu einem Eingriff mit der anschließenden intensiven Rehabilitationsphase vorhanden ist. Im Rahmen solcher Operationen werden Muskelverlängerungen, manchmal auch Verlagerungen von Muskeln auf allen betroffenen Ebenen erforderlich.
Eine anschließende Immobilisationsphase beschränkt sich meistens auf 10-14 Tage. Die dann beginnende frühe Mobilisationsphase und als auch die nach 6 Wochen beginnende intensive Rehabilitation werden immer durch Hilfsmittel unterstützt.
Zum Beispiel werden nach Verlängerungen der Wadenmuskulatur oder der Kniebeuger lange dynamische Unterschenkelschienen verordnet, die im Stand oder Gehen eine Fersenbelastung ermöglichen, eine erneute Verkürzung der Muskeln verhindern und eine Überdehnung und Schwächung der Fußheber vermeiden. Zusätzlich wird die aktive Kniestreckung in der Standphase unterstützt.
Solche Operationen bieten sich sowohl für frei gehfähige, als auch für unterstützt gehfähige Patienten an. Bei nicht gehfähigen Patienten ergibt sich dann eine Indikation, wenn ein unterstütztes Stehen oder Transferfunktionen hergestellt werden sollen.
Die gestörten Bewegungsmuster können trotz aller konservativen Maßnahmen zu knöchernen Deformitäten führen. Gelenkverrenkungen treten besonders im Bereich von Hüften und Sprung-bzw. Fußgelenken auf.
Eine sog. Hüftluxation wird in ca. 50% zu erheblichen Schmerzen führen und die Entwicklung signifikanter Anomalien begünstigen. Durch moderne operative Verfahren lassen sich solche Verrenkungen wieder korrigieren. Im Bereich von Sprung-und Fußgelenken können bei rechtzeitiger Operation Korrekturen der Fehlstellungen vorgenommen werden.
Zunehmende Fehlstellungen der Wirbelsäule (
Skoliose) führen zunächst zu einer Beeinträchtigung der Sitzfähigkeit, später auch zu Lungenfunktionsstörungen.
Durch moderne operative und anästhesiologische Techniken kombiniert mit primär stabilen Implantaten und adaptierter Intensivtherapie ist die
Skoliosechirurgie selbst bei schwer behinderten Patienten zu einem sehr sicheren Verfahren geworden.
In unserer Klinik werden alle modernen Korrekturverfahren, einschließlich endoskopische Techniken durchgeführt.
Die Operationen bringen für den Patienten den größten Erfolg, wenn sie frühzeitig durchgeführt werden. In der Regel ist es falsch, bis zum Abschluß des Wachstums zu warten.
Das Therapiekonzept bei Zerebralparese besteht aus vielen Facetten. Neben der Krankengymnastik kann gelegentlich auch eine manuelle Therapie sinnvoll sein. Auch das Konzept der konduktiven Förderung nach PETÖ bietet sich für viele Kinder an.
Neben diesen Therapieformen gehören jedoch auch Hilfsmittel wie Lagerungs-und Funktionsorthesen sowie das Botulinum-Toxin in das konservative Behandlungsrepertoire. Auch Operationen sind integrativer Bestandteil des Behandlungskonzeptes und können - rechtzeitig eingesetzt - viele Funktionsstörungen bessern, Deformitäten beseitigen oder schwere Folgeschäden verhindern.
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